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Spur 12

Die Spur der Religionen

Warum sucht der Mensch überall das Heilige?

Mosaikfragmente liegen in einer stillen Kapelle im warmen Licht eines Kreuzes.

Die Frage

Warum sucht der Mensch überall ?

Der Gedanke

Der Mensch lebt nicht nur von Nahrung, Arbeit, Technik und Unterhaltung. Er fragt nach Ursprung, Schuld, Reinigung, Opfer, Gebet, Segen, Tod, , Hoffnung und dem letzten Geheimnis der Wirklichkeit. Darum gibt es in fast allen Kulturen heilige Orte, Riten, Symbole, Opfer, Gebete, Fasten, Ehrfurcht, Tabus und die Ahnung, dass der Mensch nicht Herr über alles ist.

Was dieser Gedanke nahelegt

Diese Spur sagt nicht: Alle Religionen sind gleich. Sie sagt auch nicht: Jede religiöse Behauptung ist wahr. Aber sie macht nachdenklich. Wenn Religion nur ein zufälliger Irrtum wäre, warum kehrt sie dann so hartnäckig wieder, selbst dort, wo sie bekämpft wird? Vielleicht ist der Mensch nicht nur ein Tier mit Werkzeugen, sondern ein Wesen, das auf hin offen ist. Vielleicht enthält die religiöse Suche der Völker Splitter der Wahrheit: gebrochene, unvollständige, manchmal verdunkelte Hinweise auf den einen Gott.

Ein ehrlicher Einwand

Gerade die vielen Religionen zeigen doch, dass es nicht den einen wahren Glauben geben kann.

Eine Antwort

Die Vielfalt der Religionen zeigt zunächst, dass der Mensch religiös fragt. Sie beweist nicht, dass alle Antworten gleich wahr sind, und auch nicht, dass keine Antwort wahr sein kann. Viele Deutungen einer Sache widerlegen die Sache nicht. Unterschiedliche Weltbilder widerlegen nicht die Wahrheit, sondern zeigen, wie ernst die Suche ist und wie sehr der Mensch irren, ahnen, hoffen und fragen kann. Auch Projektion, Angst und Machtmissbrauch gibt es wirklich. Aber sie erklären nicht schon alles. Der Atheist darf fragen, ob diese hartnäckige religiöse Suche wirklich nur ein Fehler der Evolution ist. Der Agnostiker darf fragen, ob sich hinter den vielen Stimmen nicht doch eine wirkliche Stimme verbirgt. Und der Christ muss fragen, ob er in anderen Religionen nur Irrtum sieht oder auch jene Spuren, die Gott in die Geschichte der Völker gelegt hat.

Katholische Vertiefung

Der katholische Glaube denkt hier zugleich weit und klar. Der sagt in Nr. 843, dass die nichtchristlichen Religionen den unbekannten, aber nahen Gott suchen und dass alles Gute und Wahre in ihnen eine Vorbereitung auf das Evangelium sein kann. Das ist kein Relativismus. Ein Splitter der Wahrheit ist nicht die ganze Wahrheit. Ein Lichtreflex ist nicht die Sonne. Zugleich bleibt Christus nicht ein religiöser Splitter unter anderen, sondern die Fülle: In ihm sucht Gott den Menschen selbst. Deshalb kann ein Christ andere Religionen achten, ihre Wahrheitsfunken erkennen und trotzdem bekennen, dass die Wahrheit nicht bloß gesammelt, sondern in Christus geschenkt wird.

„Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist.“
Zweites Vatikanisches Konzil, Nostra aetate 2

Eine Frage an dich

Was wäre, wenn die Religionen nicht nur zeigen, wie sehr der Mensch Gott erfindet, sondern auch, wie sehr er auf Gott hin geschaffen ist?

Kurz erklärt

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